Von der Notfallmedizin zu der Akutmedizin

Ich bin noch nicht lange im Rettungsdienst, erst etwas mehr als 3 Jahre. Wenn es aber eins gibt von dem ältere Kollegen immer wieder berichten, dann ist es von einer Zeit in dem förmlich hinter jedem Anruf ein /kranker/ Mensch sich verbarg – jemand der auch den Rettungsdienst wirklich brauchte: die Ausstattung, die Ausbildung, die Erfahrung.
Desto mehr wir in der Zeit fortschreiten, desto mehr scheint sich das zu ändern. Ein Ende ist nicht in Sicht. Alleine in den letzten 10 Jahren hat das Einsatzaufkommen massiv zugenommen, die Anzahl /„richtiger“/ Notfälle jedoch kaum.
Nun ja, ich kenne es tatsächlich nicht anders. Über die Vergangenheit kann ich nicht mitreden – wohl aber über die Gegenwart und Zukunft.

Ich fahre glücklicherweise in einem Bereich, in dem die KTWs insbesondere diese unkritischen Einsätze abarbeiten dürfen. „Dringender Transport“ nennt sich bei uns das, was anders wo „Notfall ohne Signal“, „R0“ oder „Notfalleinsatz Klein“ schimpft. Und das hatte einen ganz guten Vorteil für mich: Ich konnte bereits frühzeitig mich auch als Transportführer beweisen: Zielklinik, Fachrichtung, Behandlungspriorität… All das muss schließlich auch bei unkritischen Einsätzen ausgewählt werden und bringt mir ein enormen Vorteil in meiner Ausbildung als Notfallsanitäter. So glücklich ist aber nicht jeder mit dieser Art von Einsätzen, insbesondere jene Kollegen die schon lange dabei sind bzw. unter Rettungsdienst immer noch nur Blutspritzen und Intubieren verstehen.

Um diese Einsätze geht es

Welche Einsätze ich damit meine? Das unklare Abdomen, der Rückenschmerz, der Beinschmerz… Also all die Einsätze, in denen per Definition (noch keine) Lebensgefahr besteht, eine medizinisches Problem allerdings schon. Aus den Augen des Anrufers oder Patienten mag ein solches Problem auch schon subjektiv als Notfall angesehen werden, in unseren Augen oftmals nicht.

Was ist Akutmedizin?

Die Frage, die sich nun stellt: Wer definiert wofür der Rettungsdienst da ist? Wir, als Teil des Rettungsdienstes? Oder der „Kunde“, sprich der Patient?
Ich glaube die Antwort liegt irgendwo in der Mitte…
Definiert ist der Rettungsdienst heute in der DIN, und zwar als Kombination aus Notfallrettung und Krankentransport. Das der Krankentransport definitionsgemäß dazu gehört, ist heuten vielen Hauptamtlichen Kollegen glaub ich gar nicht mal bewusst.

Zwischen Notfallmedizin und einfachem Krankentransport, gibt es für mich aber noch ein Teilgebiet für sich: die Akutmedizin:

Diagnostische und the­rapeutische Maß­nahmen zur un­mit­tel­baren Wie­derher­stellung desakut beeinträch­tig­ten Ge­sundheits­zu­stands.
(Pschyrembel Online)

Ich mag diese Definition. Denn genau damit haben wir häufig zu tun. Mit einer Beeinträchtigung die akut eintritt. Ob schlimm oder nicht. Der Laie kann das nur schwerlich einschätzen. Unsere Aufgabe vor Ort ist es dann festzustellen ob das Patient ein zeitkritischer Notfall ist oder nicht.
Das hinter dem unklarem Abdomen sich zeitkritische Diagnosen verstecken (ACS, LAE, etc.) können, brauch ich niemand zu erklären.

Aber es können sich auch Diagnosen verstecken die /noch/ Zeitunkritisch sind, aber im zeitlichen Verlauf an Brisanz zunehmen: die Appendizitis als Beispiel zeigt sich bekanntlich initial ja recht unspezifisch mit einem periumbilikalen Schmerz. Stunden später kann sich der bekannte RUQ Schmerz zeigen und weitere Stunden später die Perforation mit Perotonitis. Wir können bei allen drei Stadien zum Patienten gelangen, wir haben insbesondere bei den ersten beiden Stadien nur wenig notfallmedizinisches zu tun: Untersuchung und Einschätzung einer akuten Beeinträchtigung, häufig nicht mehr. Aber ohne Vorbereitung und Hintergrundwissen gelingt das selten. Und insbesondere hier ist es wichtig keine Anzeichen zu übersehen und ggf. den Patient davon zu überzeugen, doch daheim zu bleiben oder bei den Hausarzt am nächsten Tag zu gehen (Das passiert doch leider ziemlich oft, oder?).

Welche Konsequenz hat dies für uns?

Leider bereitet die aktuelle Ausbildung von Rettungsfachpersonal (sowohl Notfallsanitäter, als auch Rettungssanitäter) zu wenig auf jene akutmedizinischen Einsätze vor. Der Fokus liegt, was ja auch richtig ist, vor allem auf:

  • Stabilisieren
  • Reanimieren
  • Traumaversorgung
  • Behandeln von Notfällen

Was mir fehlt ist eine breite Liste an Differentialdiagnosen. Epigastrischer Schmerz? Die aktut Vitalbedrohlichen Ursachen werden sicherlich sitzen. Was aber sonst noch sein kann? Dafür ist leider keine Zeit in der Ausbildung – der Fokus liegt auf dem primär lebensrettenden.
Nun verpflichtet es meiner Meinung damit den jeweiligen Akteur eben zum Selbststudium über jene weiteren Erkrankungen und Erscheinungen, mit denen man im Berufsalltag zu tun hat.
Wie soll ich sonst einen Patienten korrekt einschätzen können? Manche gefährliche Krankheitsbilder präsentieren sich am Anfang recht unspezifisch, auch hier gilt Nachholbedarf.

Leider gibt es hier recht wenig Bücher Material für genau diesen Anspruch, weswegen man vor allem auf Fachfremde Bücher greifen muss.

Unsere Erwartungen

Ich glaube fest wir müssen unsere Erwartungen ändern. Wer davon ausgeht bzw. erwartet das hinter jedem Anruf ein Notfall ist und am Ende der Schicht enttäuscht ist, das er schon wieder kein Blutspritzen sehen hat oder fünf mal Reanimieren durfte wird mittelfristig nicht glücklich in dem Beruf.
Ist man sich aber im klaren was einen alltäglich erwartet, bereitet sich auch auf diese Einsätze vor, dann hilft das ein Stückweit glücklicher zu werden in diesem Beruf. Und gerade bei diesen Einsätzen kann man seine diagnostischen Fähigkeiten verbessern und verfeinern. Ja, Akutmedizin kann spannend sein!

Nicht desto trotz haben wir natürlich auch noch den ein oder anderen zeitkritischen Notfallpatient. Ob alltägliche Notfälle (ACS, Stroke, Synkopen, etc.) oder seltenere Notfällen (Geburt, Metabolische Störungen, Pädiatrische Notfälle, etc.). Auf diese /muss/ man natürlich bestens vorbereitet sein. Hier kommt es auf alles an – die gesunde Mischung macht es eben. Und ja, ich hab den Anspruch das ein guter Notfallsanitäter viel Wissen beherrschen sollte, aber von einer gut ausgebildeten Fachkraft im Rettungsdienst sollte man so etwas erwarten können. Sonst werden wir nie weg kommen vom Image des /Krankenwagenfahrers/.

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